Wikileaks: wann werden endlich meine Depeschen veröffentlicht?!

12.12.2010 Kommentare: 1

Nachdem Wikileaks jetzt Ende November die Depeschen amerikanischer Botschaften veröffentlicht hat, ist die Aufregung groß. Da wurden Geheimnisse veröffentlicht, Botschafter ließen sich zynisch und herablassend über Politiker und Länder aus – welch ein Skandal! Der Spiegel machte mit prominenten Politikern auf, jeder hat sein Fett abbekommen. Leider aber der falsche Aufmacher.

Warum? Dafür muss ich etwas ausholen. Vom April bis Juli 2006 hatte ich das große Glück, ein Praktikum in der Deutschen Botschaft in Panama absolvieren zu können. In der eher überschaubaren Botschaft bekam man gute Einblicke in die konsularische und politische Arbeit des Hauses. Der Spagat zwischen der Betreuung deutscher Gefängnisinsassen und diplomatischen Empfängen war groß. Was ich aber hervorheben möchte: wenn wir Lageberichte und Einschätzungen schrieben, gab es folgende Quellen: Gespräche, Erfahrungen und immer wieder gerne: die Medien des Landes.

Hier lassen sich Praktikanten (ohne diese bzw. mich abwerten zu wollen) und andere Botschaftsmitarbeiter bei ihren Einschätzungen von der Presse leiten, der Botschafter setzt sein Kürzel darunter, das Ganze geht ans AA. Irgendwo schon ein Sack Reis umgefallen? Und weiter gefragt: wenn es so im deutschen Auswärtigen Dienst abläuft, warum sollten nicht auch die Amerikaner das wiederkauen, was beispielsweise in der deutschen Presse über Westerwelle abgelästert wird? Viel interessanter wird es doch erst, wenn wirkliche Probleme aus Krisenregionen thematisiert werden. Nur damit hat der Spiegel nicht aufgemacht. Da hätten sie meine Lageberichte zur Reform der Sozialversicherung und Gewerkschaftsstreiks gleich mitveröffentlichen können – die Brisanz ist ähnlich gering.

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